Schlagwort: Familie

  • Schwaches Brandgutachten der Staatsanwaltschaft lässt weiter Fragen offen

    Schwaches Brandgutachten der Staatsanwaltschaft lässt weiter Fragen offen

    In der gestrigen Sitzung des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses „Kleve“ (PUA III) wurden drei medizinische Sachverständige sowie die polizeilichen Opferschutzbeauftragen der Kreispolizeibehörde Kleve und des Polizeipräsidiums Krefeld gehört.

    Erneut wurde das erste Brandgutachten der Staatsanwaltschaft Kleve vom 26. Oktober 2018 besprochen. Die Kritik hieran wurde durch die Aussagen des Obduzenten des Brand-Leichnams und der beiden Rechtsmediziner bestätigt. Erst nach Berichterstattung in den Medien wurden grobe Unstimmigkeiten durch zwei Nachgutachten bis Januar 2019 nachgebessert.  

    Dazu erklärt Sven Wolf, Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag NRW im PUA III:

    „Insbesondere das Erstgutachten des Brandsachverständigen der Staatsanwaltschaft Kleve wies deutliche Schwächen auf. Im Sinne der rechtstaatlichen Notwendigkeit des ‚Checks and Balances‘ unserer Demokratie muss deswegen der gesamte Brandverlauf kritisch hinterfragt werden.

    Auch die ständige Wiederholung aus interessierten Kreisen macht es nicht richtig, dass wir die Vollzugsbediensteten der JVA Kleve in die Öffentlichkeit zerren wollen. Bei jeder Befragung haben wir deren mutigen Einsatz am Brandtag gelobt. Es bleibt bemerkenswert, dass bei der versuchten Rettung von Amad A. die Bediensteten ihre eigene Gesundheit und ihr eigenes Leben riskierten.“

    Bei der gestrigen Vernehmung der Opferschutzbeauftragten fiel außerdem auf: Der Vater von Amad A. hat am 04. Oktober 2018 durch die sozialen Medien vom Tod seines Sohnes erfahren. Die beiden befragten Opferschutzbeauftragten machten klar, dass die Familie sehr unter dem Tod des Amad A. litt. Problematisch erscheint daher, dass Ermittlungsbeamte der Polizei in Krefeld den Vater unmittelbar nach der Mitteilung über den Brandtod seines Sohnes kleinteilig zu seiner Identität und zu psychischen Problemen seines Sohnes befragten. Diese Befragung gipfelte schließlich darin, dass man ihn am Tag der Todesnachricht seines Sohnes fragte, ob dieser Drogen nahm. 

    Hierzu kommentiert Sven Wolf:

    „Wir danken dem engagierten Opferschutz für seine Bemühungen um die Familie. Der erste Kontakt des Vaters mit dem Ermittlungsbeamten des Polizeipräsidiums Krefeld, bei dem er kurz nach der Todesnachricht fast wie ein Verdächtiger behandelt wurde, bleibt problematisch.“

  • Der Todestag von Amad A. ist ein Tag der Trauer und des Mitgefühls

    Der Todestag von Amad A. ist ein Tag der Trauer und des Mitgefühls

    Zum Todestag erklärt Sven Wolf, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag NRW:

    „Für die SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen ist dieses Datum ein Tag der Trauer und des Mitgefühls. Unsere Gedanken gelten in erster Linie seiner Familie.

    Der junge Syrer verstarb nach zwölf Tagen verzweifelten Ringens engagierter Ärztinnen und Ärzte um sein Leben an schwersten Brandverletzungen, die er in der Justizvollzugsanstalt Kleve erlitten hat. Dort war er über zwei Monaten lang zu Unrecht inhaftiert, nachdem er am 6. Juli 2018 in Geldern von der Polizei festgenommen wurde. Grundlage der fälschlichen Inhaftierung sollen zwei Haftbefehle der Staatsanwaltschaft Hamburg gewesen sein, die sich in Wahrheit auf einen dunkelhäutigen Malier bezogen.

    Die Aufklärung der Umstände des Todes des damals 26 Jahre alten Syrers, der vor Krieg und Gewalt in Deutschland Schutz suchte, ist von höchster Wichtigkeit. Damit sich eine solche Tragödie nie wieder in NRW abspielt, hat der Parlamentarische Untersuchungsausschuss ,Kleve‘ seit Dezember letzten Jahres seine Arbeit aufgenommen. Der Ausschuss soll, von der rechtswidrigen Inhaftierung bis hin zum Brand und seinen tragischen Folgen, eine lückenlose Aufklärung des Falls garantieren.“

     

  • Vor 100 Jahren. – „Am 1. August war der Krieg da.“

    Vor 100 Jahren. – „Am 1. August war der Krieg da.“

    „Am 01. April war ich von Wermelskirchen nach Remscheid übergesiedelt. Am 1. August war der Krieg da. Was hatten die Sozialisten der europäischen Länder, besonders die deutschen und französischen, zur Verhinderung dieser furchtbaren Katastrophe tun können und getan? Nach den Baseler Beschlüssen waren sie zu gemeinsamen Widerstand verpflichtet gewesen. Nun, geschwiegen haben sie auch nicht. Aber ihre Stimmen versanken in den Revanchegeschrei der französischen und Säbelrassen der deutschen Nationalisten und Kriegstreiber.“

    2. August 1914

    Ernst Zulauf (1878-1960)
    Ernst Zulauf (1878-1960)

    „Am zweiten Tag der Mobilmachung des deutschen Kriegsheeres hatte ich mich beim Landwehrbezirk Kommando in Lennep zu melden. So stand es auf dem roten Zettel in meinem Militärpass. Oh ja – die deutsche Kriegsmaschine funktionierte gut! Mit noch etwa 40 anderen Anwärtern auf den „süss-ehrenvollen Tod fürs Vaterland“ wurde ich dort in einen Güterwagen der Eisenbahn geladen, und einem keinem von uns bekannten Ziel zugeführt. […] Meine Fahrtgenossen waren zum Teil Dienstkameraden aus der aktiven Dienstzeit. Also auch ungefähr Altergenossen. Alle oder fast alle waren Unteroffiziere, auch Vizefeldwebel und Unteroffizier. Aber sonst waren sie sehr verschieden. Einige kannte ich als Genossen von meiner, der sozialdemokratischen Partei. […] Die Fahrt ging von Lennep über Hagen-Siegen immer südwärts. Ich weiß nicht mehr wie lange sie gedauert hat. […] Da ist schon Darmstadt, die Residenz der Hessengroßherzöge. Große Getümmel auf dem Bahnsteig! – Was ist da los? – Wer schreit und wem gilt das Hoch und Hurra? – Einer weiß es schon, er ist ausgestiegen und ruft es in die weit offene Waggontür: „Der Prinz Oskar von Preußen auf dem Bahnsteig!“ – „Soeben einem Attentat glücklich entkommen“ will ein anderer wissen! – „Alles aussteigen!“ – Ach merkt ihr denn nichts? Merkt ihr denn noch nicht Zweckcharakter aller dieser Greulgerüchte? – „Ja, aber das ist doch die Höhe! Diese Flaumacher sollte man billigerweise verprügeln!“ Alle steige aus, so was lässt sich doch kein Deutscher entgehen. – Auch nicht, wenn er Sozialdemokrat war! – Nein, dann erst recht nicht. Er ist jetzt nur noch Deutscher! – Zwei steigen nicht aus. – Ein christlicher Kamerad und Jugendfreund aus dem Hünger. Er ist ein Opfer des Krieges geworden. „Auf dem Felde der Ehre gefallen“ hat man auch ihm nachgerufen. – Er hat es nicht so aufgefasst. Der andere war ich.“

    Nach 1945

    Mein Urgroßvater zog die Konsequenzen aus den Erlebnissen des Krieges und beschrieb seine innere Zerrissenheit über die Entscheidung der SPD. Er trat in die USPD ein und folgte ihr auch als diese in der KPD aufging. Er wurde später aus der KPD ausgeschlossen. Nach dem Krieg unterstütze er meine Heimatstadt Remscheid beim Wiederaufbau und wurde sodann zum Dezernenten für „Wohlfahrts-, Jugend- und Flüchtlingswesen“ berufen. Auf eigenen Wunsch schied er im Alter von 73 Jahren aus diesem Amt aus. Am 24. November 1960 im Alter von 82 Jahren starb mein Urgroßvater in Remscheid.

    Weitere Informationen

    zu Ernst Zulauf finden sich in der Biographischen Datenbank der Bundesstiftung Aufarbeitung